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Computervermittelte Kommunikation und Soziolinguistik

Sprachliche Besonderheiten getippter Gespräche: Sprecherwechsel und sprachliches Zeigen in der Chat-Kommunikation

Angelika Storrer



        Inhaltsverzeichnis





1 Getippte Gespräche: Chat-Kommunikation zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit


Die als »Chatten« bezeichnete Form des Kommunizierens ist trotz ihrer medialen Schriftlichkeit dem Duktus des mündlichen Gesprächs verpflichtet. Dies macht nicht nur die Bezeichnung »Chat«(1) deutlich; es zeigt sich auch daran, dass die Chatter selbst ihre sprachproduktiven und -rezeptiven Aktivitäten überwiegend mit Verben wie »sagen« bzw. »hören« bezeichnen. Die Ambivalenz zwischen schriftlicher Produktion und mündlich konzeptualisiertem Setting wurde nicht nur in linguistischen Arbeiten zur Chat-Kommunikation (2) diskutiert; sie ist auch den Chattern durchaus bewusst, wie das folgende Beispiel zeigt:

(dr.hc) könnd ih mis höen? (...)

(Findalf) dr,hc. nur schwach, es fehlen Buchstaben...(3)

Bislang untersuchte die Literatur zur sog. »Sprache des Chat« vornehmlich se-miotische Innovationen wie die Emotikons (Smileys), die sog. »Inflektive« wie *knuddel* sowie Kurzformen und Sprachspielereien wie »CU«. Diese Elemente finden sich allerdings auch in Beiträgen der zeitversetzten Email- und Foren-Kommunikation, d.h., sie sind insgesamt charakteristisch für den Umgang mit Schriftlichkeit in der Netzkomunikation. Sie haben ihre Wurzeln in der Sondersprache der sog. »Hacker«, die schon in den 80-er Jahren Computernetzwerke zur Kommunikation nutzten(4). Der in den sondersprachlichen Elementen dokumentierte kreative Umgang mit dem zur Netzkommunikation genutzten Zeichenvorrat, dem ASCII-Code, lässt sich mediengeschichtlich bewerten und einordnen als eine neue Facette des kontinuierlichen Ausbaus von Sprache und Schrift für die Zwecke der Distanzkommunikation, wie er in der Schriftlich-keitsforschung untersucht und beschrieben wurde.(5)

In der Geschichte der Kommunikationsmedien ist der Chat - im Gegensatz zur zeitversetzten Email- und Foren-Kommunikation - allerdings tatsächlich eine bemerkenswerte Novität: Zum ersten Mal wird schriftliche Sprache genuin und im großen Stil für die situationsgebundene, direkte und simultane Kommunikation genutzt. »Im großen Stil« meint, dass die Möglichkeit der schriftbasierten Direktkommunikation zwar potentiell immer bestand, bislang aber wegen der ökonomischen Vorteile des Sprechens gegenüber dem Schreiben auf Randbereiche beschränkt blieb. »Genuin« heißt, dass die Schriftlichkeit in keinem systematischen Verhältnis zu einer vorgängigen oder nachträglichen medialen Mündlichkeit steht. Der mündliche Duktus in Hörspielen, Film- und Radioskripten oder Schlagertexten ist ja dadurch motiviert, dass die darin fixierten Texte für das Sprechen bzw. Singen konzipiert sind. Andere konzeptionell mündliche Schriftstücke, z.B. Protokolle von Gerichtsverhandlungen oder von Parlamentsdebatten, leiten sich aus mündlich geführten Gesprächen ab, dienen deren Archivierung und Dokumentation für die Anschlusskommunikation. Die konzeptionelle Mündlichkeit blieb also bislang stets in der einen oder anderen Weise an die mediale Mündlichkeit gebunden. Eine solche Bindung fehlt der Chat-Kommunikation. Die mündliche Reproduktion von Chatprotokollen ist nicht intendiert. Mehr noch: Chat-Protokolle würden sich aufgrund ihrer sprachlichen Besonderheiten überhaupt nur unter großen Schwierigkeiten mündlich vortragen lassen.

Wenn man zwischen den funktionalen Kategorien Text und Diskurs (Gespräch)6 differenziert, sind die im Chat produzierten Kommunikate eindeutig dem Gespräch zuzurechnen. Die Beiträge der Chatter sind an die aktuelle Äußerungssituation gebunden und nehmen direkt aufeinander Bezug. Sie folgen dabei gängigen Sprechhandlungssequenzen wie »fragen - antworten«, »bitten - Bitte gewähren - danken« etc. Die Einsatzmöglichkeiten für die Chat-Technologie sind vielfältig: Im beruflichen und privaten Bereich kann das Treffen im Chatraum ein Telefonat bzw. eine Telefonkonferenz ersetzen. Im Freizeitbereich dient der Chat als Unterhaltungsmedium zur Kontaktaufnahme und -pflege, zum Spiel mit Identitäten und Masken - ein Medium, das es ggf. auch erlaubt, im Alltag verborgene Persönlichkeitsanteile unter dem Schutz von Anonymität und Unverbindlichkeit auszuleben. Auch Beratungsgespräche - z.B. in Medizin, Psychologie, aber auch technische Beratung in »hotlines« - können per Chat organisiert werden. Immer wichtiger wird die Funktion des Chat als öffentlicher Rückkanal zu Rundfunk und Fernsehen, z.B. für die öffentliche Diskussionen über vergangene oder gerade laufende Sendungen.

Der Chat ist also keine neue kommunikative Gattung oder Gesprächsart, sondern eine Kommunikationstechnologie, mit der sich einerseits viele »traditionelle« Gesprächsarten in getippter Form organisieren lassen, in der aber auch neue Gesprächsarten entstehen, die kein Pendant in der Mündlichkeit mehr haben (7). Bei diesem Verständnis von Chat stellt sich dann die Frage, worin sich die Sprachproduktion in getippten Dialogen von der Produktion in mündlichen Dialogen unterscheidet, und wie sich die technischen Randbedingungen im Chat auf die sprachlichen Strukturen auswirken. Aus linguistischer Perspektive sind also insbesondere die sprachlichen Besonderheiten interessant, durch die sich getippte Gespräche von funktional entsprechenden mündlichen Gesprächen unterscheiden (also z.B. der Vergleich von Chat-Interviews mit face-to-face bzw. telefonisch geführten Interviews; oder von Seminardiskussionen im Chat mit Diskussionen in Präsenzseminaren). Zu diesem Vergleich möchte ich mit dem vor-liegenden Artikel beitragen. Dazu werde ich im folgenden Abschnitt zunächst den technischen Rahmen umreißen, der den Handlungsspielraum in der Chat-Kommunikation beschränkt und die Strategien der Versprachlichung im Vergleich zur mündlichen Sprachproduktion verändert. Anschließend werde ich an Beispielen zeigen, wie diese Unterschiede in den sprachlichen Strukturen manifest werden. Dabei greife ich zwei linguistische Phänomenbereiche heraus:

Die zur Erläuterung der Besonderheiten verwendeten Beispiele stammen aus folgenden Quellen(8):

Es handelt sich bei den folgenden Ausführungen um Beobachtungen und Überlegungen, die durch den systematischen Vergleich von Chatprotokollen mit Transkripten funktional entsprechender mündlicher Gesprächsarten weiter gestützt werden müssen. Ein solcher Vergleich ist nicht nur von medien- und kommunikationstheoretischem Interesse, sondern gibt auch Hinweise darauf, welche kommunikativen Aufgaben sich überhaupt sinnvoll in getippten Gespräche bearbeiten lassen. Dies wiederum hilft bei der Bewertung der Möglichkeiten und Grenzen der Chat-Kommunikation, z.B. im Rahmen der Begleitforschung zu chatbasierten Lern- und Beratungsumgebungen.

Kommunikative Randbedingungen bei der Sprachproduktion im Chat


Als Kommunikationstechnologie, die das zeitgleiche, dialogische Kommunizieren in räumlicher Distanz unterstützt, ist der Chat am ehesten dem Telefon und dem CB-Funk vergleichbar. Die Redepartner kommunizieren ohne Sichtkontakt und haben keinen verbindlichen Anschauungsraum, auf den sie sprachlich oder gestisch zeigen können(9). In diesem Setting der zeitgleichen Distanzkommunikation unterscheidet sich der Chat von der Kommunikation per Telefon oder CB-Funk im Wesentlichen durch folgende Merkmale(10):

Beim ersten Blick auf diese Randbedingungen scheint das Chatten eine recht unbequeme Alternative zur mündlichen Distanzkommunikation zu sein - nicht umsonst bezeichnet man das Chatten scherzhaft auch als umständlichste Form des Telefonierens (DÖRING 1998:95). Allerdings bringt der Wechsel von der gesprochenen zur geschriebenen Sprache auch Vorteile mit sich, und zwar nicht nur für Menschen, deren Hör- oder Sprechfähigkeit eingeschränkt ist. Zwei positive Seiteneffekte seien hier genannt:

Neben den positiven Seiteneffekten der Schriftlichkeit gibt es andere Mehrwerte gegenüber der mündlichen Distanzkommunikation: Chat-Programme stellen ihren Teilnehmern Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung, die im gesprochenen Dialog kein direkte Entsprechung haben. Die Funktionalität variiert je nach Chat-Software; die folgenden Funktionen werden aber sehr häufig anboten:

Wie wirken sich nun die kommunikativen Randbedingungen der Chat-Kommunikation auf die Strategien der Versprachlichung aus? Dies soll in den folgenden Abschnitten an Beispielen zu zwei Besonderheiten gezeigt werden, durch die sich getippte Gespräche von entsprechenden mündlichen Gesprächen unterscheiden.

Gesprächsorganisation und Sprecherwechsel


Durch die technisch organisierte Sequenzierung nach dem »Mühlen-Prinzip« entstehen in getippten Gesprächen Sequenzen wie die folgende:



Quelle: Angelika Storrer in, Michael Beißwenger (Hrsg.): Chat-Kommunikation. Sprache, Interaktion, Sozialität & Identität in synchroner computervermittelter Kommunikation. Perspektiven auf ein interdisziplinäres Forschungsfeld. Stuttgart: ibidem 2001, S. 3-24.


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