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Studio 1 Enzyklopädie


Übersetzung als Sprachkontakt

Grenzen und Folgen einer interkulturellen Praxis

Gerda Haßler

        Inhaltsverzeichnis





1. Einleitung


In seinem Buch über soziolinguistische Grundlagen des Übersetzens verwendet Maurice Pergnier das folgende Beispiel, das unser Thema eindrucksvoll illustriert. Auf dem Flughafen in London Heathrow wurde man vor wenigen Jahren als frankophoner Fluggast mit folgendem Schild überrascht:

Wer sich wirklich auf diese Übersetzung verlassen muß, wird kaum verstehen, was er eigentlich tun soll. Vérifer ist im Französischen ein bivalentes Verb, man muß also zwingend erst einmal wissen, was man prüfen oder überprüfen soll, die Angaben wo und wann nützen sonst wenig. Die einzig sinnvolle Reaktion auf dieses französische Hinweisschild wäre also eigentlich Vérifer quoi?

Allerdings zeigt uns ein Blick auf das englische Original des Schildes, was die Fluggäste tatsächlich tun oder lassen sollten:

Es handelt sich also um einen Hinweis, der in vernünftigem Französisch etwa lauten kann:

Deutsch stand übrigens auf demselben Schild völlig korrekt:

Die Verständlichkeit des Übersetzungsresultats, das sich offensichtlich im Kontakt einer Muttersprache des Textproduzenten mit einer davon abweichenden Zielsprache ergibt, wird durch das Durchschauen von Verbalisierungsgewohnheiten wesentlich bestimmt. Im Deutschen wurde eine adäquate Ausdrucksform für den Sinn der Äußerung gefunden. Formal hat sich einiges geändert, das Verb ist zum Beispiel verschwunden, es wird auch nicht gesagt wo und wie man zu der genannten Bordkarte kommt. Wenn wir die deutsche Äußerung dennoch als adäquat bezeichnen, ist also einiges zu relativieren, vor allem ist die Einbettung in die Situation zu berücksichtigen. In der französischen Formulierung wurden völlig im Gegensatz dazu einfach Formen, weitgehend ohne Rücksicht auf Gebrauchsnormen, ja sogar auf lexikalische und grammatische Kategorien transponiert.

Ein weiteres Beispiel kann vielleicht illustrieren, daß solche Erscheinungen nicht nur beim Gebrauch einer Sprache im Ausland auftreten, sondern gewissermaßen mit dem Produkt gleich importiert werden können. So findet man auf einem aus Italien stammenden Kaffeeautomaten an einer französischen Universität die Wahlmöglichkeiten café amer, café doux, café superdoux. (Pergnier 1993: 63). Normalerweise würde man bei solchen Bezeichnungen im Französischen an einzelne Kaffeesorten denken, wie wir sie etwa auch im Deutschen als mild, extramild, aromatisch kennen. Es handelt sich aber um nichts anderes als das, was im Französischen eigentlich sans sucre, sucré, très sucré heißt.

Beim Übersetzen sind offensichtlich die unterschiedlichsten Interferenzprozesse denkbar, von den simplen und groben Fehlern, die Schüler beim Übersetzen machen, bis hin zu Fehlern, die auch erfahrenen Übersetzern unterlaufen. Außerdem gibt es ein Spiel mit solchen Interferenzen, das durchaus gewollt sein kann und der Zielsprache sogar neue Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet.



2. Inwiefern ist Übersetzung eine Form des Sprachkontakts?


Das Übersetzen unterscheidet sich von den Erscheinungen und Ergebnissen des Sprachkontakts, die Gegenstand der anderen Beiträge dieses Bandes sind, durch eine Reihe von Merkmalen, unter denen die Bewußtheit der Herstellung des Kontakts besonders auffällt. Übersetzungslösungen geschehen nicht aus sich selbst heraus nach systematischen Gesetzmäßigkeiten und kontaktbedingten Präferenzen, so wie etwa eine bestimmte Häufung der Verbstellung im Niedersorbischen, begünstigt durch dieselbe Wortstellung im Deutschen, zur normalen werden kann oder wie sich im Altenglischen und Altnordischen urspünglich identische Flexionen durch phonologischen Wandel auseinander entwickelten. Übersetzung ist immer eingeschränkt spontane Kommunikation. Man kann davon ausgehen, daß der Übersetzer die in Kontakt tretenden Strukturen der Ausgangssprache und der Zielsprache mehr oder weniger reflektiert und aufeinander bezieht. Von daher können sowohl bewußte Interferenzvermeidung als auch enge Anlehnung an die Ausdrucksmöglichkeiten der Ausgangssprache möglich sein.

Eine weitere Besonderheit des Übersetzens als Sprachkontakt besteht darin, daß die Ausgangsgröße der Übersetzung Äußerungen sind. Es geht also bei der Übersetzung um die Wiedergabe eines Sinns, der in einer Sprache auf eine bestimmte Weise artikuliert ist, und für den eine Verbalisierung unter Verwendung anderer Mittel gefunden werden muß. Die referentielle Bedeutung einzelner Lexeme oder auch einzelne grammatische Funktionen können dabei in den Hintergrund treten. Sie bilden aber dennoch die Voraussetzungen, das Bedingungsgefüge, mit dem die Übersetzung zu rechnen hat. Der Grad, in dem im Übersetzungsprozeß ein unmittelbarer Kontakt auf der Ebene dieser Voraussetzungen und Bedingungen überhaupt zugelassen wird, hängt von der Zielstellung der Übersetzung ab. Diese Zielstellungen sind synchron betrachtet sehr stark textsortenabhängig, sie unterliegen aber auch einem kulturgeschichtlichen Wandel.

Was also geschieht beim Übersetzen mit Sprache? Gängige Einführungen in die Übersetzungstheorie machen es sich entschieden zu leicht, wenn sie etwa wie folgt schreiben:

oder

Obwohl die genannten Auffassungen keinesfalls einheitlich sind, steht die gleiche, im allgemeinen Sprachbewußtsein verankerte Grundüberzeugung dahinter: Beim Übersetzen überwindet man eigentlich etwas Lästiges, das sich für die Kommunikation der Menschen durch die Existenz verschiedener Sprachen auftut.

Das Dilemma des Übersetzens wurde empfunden, sobald die praktische Aufgabe zu lösen war, Texte in eine andere Sprache zu bringen. Naturgemäß handelte es sich zunächst um religiöse Texte, was der Treue der Wiedergabe eine nicht nur sprachliche Relevanz gab. So sagt schon Hieronymus:


Zu dieser Auffassung gibt es die allgemein bekannte Gegenposition von Martin Luther, nach der gutes Übersetzen vor allem in der Anpassung an die zielsprachlichen Ausdrucksgewohnheiten besteht. Diese Auffassung, in der Luther die Übersetzungstheorie des Hieronymus vollkommen verwirft, steht im Kontext einer Zeit, in der insbesondere um den Umgang mit der Autorität des Buches, der religiösen Texte, gestritten wurde. Hängt deren Wahrheitsgehalt nur vom Sinn ab, oder steckt er auch in den Worten selbst, die von daher möglichst getreu wiedergegeben werden müssen? In Italien bewegt sich diese Diskussion im Spannungsfeld von traduzione und volgarizzamento. In Spanien gab es bedingt durch die besondere Situation der Koexistenz von drei Kulturen seit dem 13. Jahrhundert ein Übersetzerschule, die das durch unterschiedliche Sprachen und Texte transportierte Wissen in seinem Zusammenwirken als Chance begriff.

Für den Umgang mit Sprache beim Übersetzen lassen sich zwei diametral gegenüberstehende Positionen annehmen. Ihre Ergebnisse finden sich in der sogenannten "wörtlichen, verfremdenden Übersetzung" und der "freien, eindeutschenden Übersetzung" wieder. Plädoyers für ein verfremdendes Übersetzen finden sich in Geschichte und Gegenwart bei durchaus prominenten Theoretikern und Praktikern der Übersetzung, nicht zuletzt aber auch in der Hermeneutik. So schreibt Friedrich Schleiermacher, es müsse so übersetzt werden, daß dem Leser der "Geist der Sprache" des Originals auch in der Übersetzung vermittelt wird. Die Wirkung der Übersetzung orientiert sich am Kennergenuß des "gebildeten Mannes", dem die fremde Sprache geläufig ist, aber doch immer fremde bleibt. Als Übersetzungsmethode kommt dabei nicht das Eindeutschen, Umschreiben oder Nachbilden in Frage; das Prinzip, die Übersetzung sollte sich lesen lassen wie ein Original, wird entschieden zurückgewiesen. Sie hat sich vielmehr so weit als möglich an der Sprache der Vorlage auszurichten. Der Vorwurf der Ungelenkheit im Ausdruck sei dabei in Kauf zu nehmen, denn anders sei der "Geist der Sprache" gar nicht in die Übersetzung zu retten. Das eigene Idiom des Übersetzers soll mit dem fremden so verschmelzen, daß in der Übersetzung die "Ursprache" erhalten bleibt (vgl. Stolze 1994: 17). Auch bei Walter Benjamin findet sich diese Auffassung wieder. In seinem Aufsatz " Die Aufgabe des Übersetzers" schreibt er:

Diese romantisch anmutende und auf die lexikalische Ebene zentrierte Sprachauffassung wird freilich beim Übersetzen nicht wörtlich zu nehmen sein. Letztlich würde sich damit auch unser eingangs erwähntes Flughafenschild rechtfertigen.

Zur Verdeutlichung sei noch ein Beispiel angeführt, das schon mehrmals in Lehrveranstaltungen verwendet und von deutschen Studenten selten als auffällig oder bedenkenswert empfunden wurde. Was würde man von einer Übersetzung halten, die die französische Äußerung C'est Louis Jouvet qui a créé les pièces de Giraudoux wiedergibt mit Es ist Louis Jouvet, der die Stücke von Giraudoux uraufgeführt hat ? Sie ist nicht nur ungelenkt, sondern sie läßt keineswegs den Geist der französischen Sprache, oder weniger romantisch formuliert, ihre Verbalisierungsverfahren erkennen. Die Formel c'est...qui ist hier ausschließlich Ausdruck einer Hervorhebung, die im Französischen eben nicht mit dem Satzakzent oder einer Veränderung der Wortfolge ausgedrückt werden kann wie im Deutschen. Wir könnten also sagen:

Das Streben nach Wörtlichkeit der Übersetzung scheitert im Grunde schon daran, daß man nicht weiß, was ein Wort sein soll. Meinten die Übersetzer religiöser Texte damit noch Logos im umfassenden Sinne, also die Wiedergabe des als heilig betrachteten und an eine bestimmte Form gebundenen Sinns, so ist Wörtlichkeit als tatsächliche interlineare Wort für Wort Übersetzung höchstens eine schlechte Übung für Schüler zum Vokabeln lernen. Sie ist überhaupt nicht geeignet, die Komplexität der Ausgangssprache durchscheinen zu lassen, die eben nicht nur die gleichen Konzepte mit unterschiedlichen Wörtern benennt.
Die Gegenposition zu dieser Wörtlichkeit besteht im Streben nach einer möglichst weitgehenden Integration des Textes in die Zielkultur und in weitgehender sprachlicher Geläufigkeit des Ergebnisses.

Ein historisches Beipiel dafür ist eine wenig beachtete übersetzungskritische Arbeit, die in einer besonderen Situation die Übersetzung vom Französischen ins Spanische behandelt. 1798, als Aufgeschlossenheit gegenüber französischen Texten wegen der Nachwirkungen der Französischen Revolution in Spanien keinesfalls als selbstverständlich gelten kann, kommentiert und kritisiert Antonio de Capmany eine spanische Übersetzung des französischen Frühaufklärers Fontenelle. Er fordert dabei vor allem eine Übersetzung auf dem Hintergrund der Texte guter spanischer Autoren. Der Übersetzer soll ein Bad in den Möglichkeiten der spanischen Sprache nehmen, um dieses zu unterstützen gibt Capmany dann einen nach Sachgruppen geordneten Textanhang, der vorbildliche Textgestaltungen zu bestimmten Themengruppen vorführen soll:

Die damit erhobene Forderung, Übersetzen nicht nur als Übertragen in eine andere Sprache, sondern als Transponieren in eine andere Textwelt zu betrachten, hat durchaus bis heute ihre Gültigkeit. Auch dieses Verfahren ist jedoch nicht unproblematisch. Was wird zum Beispiel aus einer über das français populaire hergestellten Personencharakteristik, wenn diese Personen plötzlich bayrisch sprechen, oder wenn zum Beispiel aus einem süditalienischen Dialekt eine eigentlich nicht existierende Mischung aus Berlinisch, Platt und süddeutscher Umgangssprache wird? Auch Unterschiede in der Architektur der Varietäten der am Übersetzungsprozeß beteiligten Sprachen können dazu führen, daß eine scheinbare kulturelle Anpassung des Zieltextes ihren Zweck verfehlt.

3. Übersetzung und Transkodierung


Catford (1965) unterscheidet drei Typen von Übesetzungen, die sich an folgendem Beispiel illustrieren lassen (Pergnier 1993, 269):


Uebersetzung Hassler 1

Nach dieser sehr intuitiven Vorstellung von den Abläufen beim Übersetzen entsprechen diese Darstellungsformen Ebenen der Transkodierung, die letztlich bei der Übersetzung als solcher ankommen. Fraglich erscheint dabei, ob man jeden Prozeß der Transkodierung, auch wenn er nicht zu einem grammatisch und pragmatisch angemessenen Ergebnis gelangt, als Übersetzung bezeichnen muß. Sinnvoller erscheint es, von Übersetzung nur dann zu sprechen, wenn es sich um einen Prozeß handelt, bei dem der Inhalt einer Äußerung in einer Sprache mit den Mitteln einer anderen Sprache äquivalent verbalisiert wird. Während dies auf der dritten Ebene im genannten Beispiel durchaus der Fall ist, können die Lösungen auf den Ebenen (1) und (2) nicht als Übersetzungen, sondern nur als Transkodierungsergebnisse betrachtet werden. Äquivalenzen werden hier nicht auf der Ebene des Sinns, der Idiomatik hergestellt, sondern es entstehen reine Entsprechungen zwischen Lexemen (2) bzw. sogar Morphemen (1). Natürlich kommen im Sprachkontakt Formen von Äußerungen wie (1) und (2) vor, etwa um die Ausdrucksweise einer Sprache transparent zu machen. Wir sprechen in solchen Fällen nicht von Übersetzung, sondern von Transkodierung. Transkodierung ist, prozessual betrachtet, immer metasprachlich geprägt. Mit der Äußerung Il est pleuvant chats et chiens sagt man nicht, daß es gießt, sondern wie die englische Sprache diesen Sachverhalt ausdrückt. Dabei ist eine solche Transkodierung natürlich auch immer ein Verbalisierungsangebot für die Sprache, in der sie ausgedrückt ist. Die Wahrscheinlichkeit der Annahme eines solchen Verbalisierungsangebots ist um so größer, je mehr grammatische Verhältnisse der Zielsprache berücksichtigt werden. Il pleut des chats et des chiens scheint somit gegenüber Il est pleuvant chats et chiens im Vorteil, da die morphematisch äquivalente Übersetzung der englischen Verlaufsform im Französischen durch nichts gestützt, schon gar nicht grammatikalisiert ist. Funktional würde ihr am ehesten die Periphrase mit être en train de entsprechen, die sich aber mit dem expletiven Pronomen il nicht verwenden läßt.

Transkodierung als metasprachlich bestimmter, auf die Transparenz der Strukturen der Ausgangssprache gerichteter Prozeß, versucht also Äquivalenzen zwischen einzelnen Elementen der Sprache herzustellen. Übersetzung besteht dagegen nicht in der äquivalenten Referentialisierung des einzelnen Terms, sondern in einer Verbalisierung des Äußerungssinns in einer anderen Sprache. Das heißt aber auch, daß man mehr als eine Möglichkeit der Übersetzung zulassen muß. In unserem Fall wäre dies die folgenden noch weitgehend kontextfrei betrachteten Möglichkeiten:


Uebersetzung Hassler 2

Hinzu kommen mehr oder weniger situativ gebundene Ausdrucksmöglichkeiten wie:

Bereits in der vergleichenden Stilistik wurde auf die hybride Natur des Ergebnisses hingewiesen, die eine sogenannte Wort-für-Wort-Übersetzung (in unserer Terminologie Transkodierung) ergibt. Betrachten wir dazu ein Beispiel, daß seit Vinay / Darbelnet, Stylistique comparée du français et de l'anglais (1958) immer wieder wiederholt wurde (vgl. Pergnier 1993, 57). Die englische Äußerung he swam across the river ist in der Transkodierung il nageait à travers la rivière für den französischen Rezipienten interpretierbar, weil konform mit den morphosyntaktischen Regeln des Französischen. Das Ergebnis der Transkodierung ist jedoch als Äußerung kein Äquivalent des entsprechenden englischen Satzes, weil der französische Rezipient eine andere semantische Interpretation vornehmen würde. Äquivalent als Übersetzung (nicht als Transkodierung) wäre hier die Äußerung il traversait la rivière (à la nage), wobei à la nage im Grunde bereits eine Überdeterminierung ist. In vielen Situationen reicht il traversait la rivière, da die prototypische Bedeutung von traverser in Verbindung mit Wasser denotierenden Objekten ohne weitere Angabe von Mitteln, Wegen usw. eben das ,Schwimmen' ist.

Betrachten wir jedoch die angegebene Transkodierung noch etwas näher. Entspricht sie wirklich vollkommen dem morphosyntaktischen und lexikalischen Potential der englischen Äußerung? Bereits die Transposition des Pronomens tauscht nicht einfach Signifikanten aus: he steht paradigmatisch in Opposition zu she und it, wären il nur elle als Opposition hat. Damit ist gesagt, daß he nur ein männliches menschliches Wesen oder einen als solches personifizierten Gegenstand bezeichnen kann, il dagegen darüber hinaus auch noch ein Tier oder einen Gegenstand.

Swam ist auch nicht äquivalent zu französisch nageait, als einfaches Präteritum steht es nur dem Präsens in temporaler Opposition gegenüber, während im Französischen die Gegenüberstellung zu passé simple als aspektuelle Opposition zu berücksichtigen wäre: Il traversait la rivière / Il traversa la rivière. Andererseits hat das Englische aspektuelle und modale Möglichkeiten, die im Französischen nicht wählbar sind: was swimming, could swim, would swim. Schließlich kann a travers nicht als Äquivalent von across angesehen werden, es funktioniert ausschließlich als Präposition, während across sehr gut ohne folgendes Nomen vortsellbar ist, also als Bestandteil der Verbalgruppe auftreten kann; swam across und nageait a travers sind also weder syntaktisch noch semantisch Äuivalente.

Die Liste der Bedenken gegen wirklich vollständige Äquivalenzen bei der Transkodierung ließe sich fortsetzen. Auch die in vielen kontrastiven Studien behandelte unterschiedliche Gliederung semantischer Felder in den einzelnen Sprachen wäre hier zu nennen. Die Verben der Bewegung kennen unterschiedliche Dimensionen (Gerichtetheit/Ungerichtetheit der Bewegung, Fortbewegungsmittel usw.) und es ist seit langem bekannt, daß im Französischen eine starke Tendenz zur Verwendung hyperonymischer gegenüber hyponymischen Ausdrucksmöglichkeiten in diesem Bereich besteht. Bevorzugt wird daher das Archilexem aller gegenüber marcher, nager, voler; oder hier unter Beibehaltung der Dimension der Gerichtetheit das Verb traverser gegenüber nager. Auch über die Bezeichnungen der Gewässer ließen sich noch weitere kontrastive Abhandlungen schreiben, die zur Charakterisierung des Unterschieds zwischen unseren beiden Äußerungen beitragen würden.

Wenn man auf diese Weise zwei Sprachsysteme auf der Grundlage von Äußerungen und deren Transkodierungen in Relation setzt, gelangt man nicht zu einer Übersetzung, wie wir sie definiert haben, sondern lediglich zu einem Transparentwerden eines Sprachsystems auf dem Hintergrund eines anderen, d.h. zum Explizieren von Interferenzen. Das Ergebnis einer Analyse solcher Wort-für-Wort-Übersetzungen ist letztlich, daß die Signifikate eben nicht ohne weiteres von einer Sprache in die andere übertragen werden können, oder - anders ausgedrückt - daß sie einzelsprachlich kodiert sind und folglich auch einzelsprachlich verbalisiert werden müssen.

Wir hatten uns bei den bisher betrachteten Äußerungen immer mit Relationen zwischen sprachlichen Mitteln befaßt. Dabei ging es sowohl um Relationen in der Äußerung selbst (in presentia) als auch um Relationen in absentia, die im Sprachsystem bestehen und das einzelne Lexem in Paradigmen ordnen. Zu diesem bekannten Schema der strukturellen Linguistik, das immer davon ausgeht, daß jedes sprachliche Element auf einem Schnittpunkt zwischen Syntagmatik und Paradigmatik, Kombination und Selektion zu verorten ist, läßt sich eine weitere Dimension hinzuzufügen: die textuelle Bindung sprachlicher Elemente. Analog zu Eugenio Coserius Normbegriff geht es dabei auch um relativ stabile Realisierungen sprachlicher Mittel, jedoch im Sinne von einzeltextuellen Relationen, die über den Einzeltext hinauswirken und als solche das Sinnpotential, das das einzelne Element in einen Text einbringt, von vornherein mitprägen. Der Versuch, diese Relationen mit dem Terminus Intertextualität zu bezeichnen, erscheint inzwischen durch die Belastung dieser Bezeichnung in den verschiedensten Richtungen der literaturwissenschaftlichen Diskussion problematisch. Es ist außerdem zweckmäßig, gerade die Eigenschaften eines Textes näher zu betrachten, die zur transtextuellen Nutzung textspezifischer Relationen führen. Texte, in denen bewußt Konzeptualisierungsprozesse gestaltet werden, nennen wir in diesen Zusammenhängen begriffsprägende Texte, und zwar zunächst unabhängig davon, ob sich die begriffsprägende Absicht auch in einer entsprechenden Rezeption des Textes niederschlägt. Daß sich die Absicht, neue Begriffe zu prägen, d.h. Abgrenzungen von bestehenden Begriffen vorzunehmen, diese lexikalisch zu fixieren und in ein semantisches System einzupassen, bestimmter Texte bedienen muß, ist am ehesten einleuchtend. Wir betrachten einen Text jedoch auch dann als begriffsprägend, wenn er durch eine Serie von Texten bereits vorbereitete Konzeptualisierungen auf besonders wirkungsvolle Weise benennt oder in die weitere Rezeption einbringt. Texte, deren begriffsprägende Rolle sich auch in der nachfolgenden Rezeption bestätigt, bezeichnen wir als Referenztexte für nachfolgende Konzeptualiserungen. Stellt sich dabei heraus, daß diese im wesentlichen in Kontinuität zu den wesentlichen begrifflichen Merkmalen im Referenztext stehen, bezeichnen wir diesen auch als Intertext für die nachfolgende Textserie, die das Ausgangskonzept verbreiten, variieren oder an jeweils neue Bedingungen anpassen kann (vgl. Haßler 1997 und 1999).

Betrachten wir ein Beispiel, um die Stellung einer Übersetzung in diesem Textkontinuum zu verdeutlichen. In Texten des französischen Autors Barruel wird der Sprachgebrauch der Jakobiner in verdichteter, klischeehafter Form in indirekter Rede wiedergegeben. Dies geschieht mit der Absicht, diesen SprachGebrauch als Kontrastfolie für eigene Begriffsbildungen zu verwenden:


(...)



Quelle: Prof. Dr. Gerda Haßler (Hrsg.), Institut für Romanistik, Universität Potsdam. © Copyright 2000 by Nodus Publikationen Münster. ISBN 3-89323-134-X


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